Presse VCP



"Wir wissen, wo's langgeht"
Als freundliche "Heinzelmännchen" sind die Pfadfinder vielen Besuchern des Kirchentages in guter Erinnerung. Doch wie sieht der Alltag in der christlichen Jugendorganisation aus? Ein Besuch an der Basis.

Einmal in der Woche zieht sich Jasper Brandes ein graues Hemd über und bindet sich ein blaues Halstuch um. Doch das tut er nicht, weil Grau und Blau seine Lieblingsfarben wären. Seine "Kluft" sieht nun mal so aus - und "Kluft muss sein", sagt er. Denn der 16-Jährige ist Pfadfinder und Gruppenbetreuer im "Stamm Hannover-Süd" des Verbandes Christlicher Pfadfinder (VCP). Und wie andere Jugendliche in seinem Alter in den Sportverein oder zum Musikunterricht gehen, ist Jasper einmal in der Woche mit seinen Freunden von den Pfadfindern unterwegs. Hemd und Halstuch zeigen dabei, dass sie zusammengehören. Die "Kluft" schafft Gemeinschaftsgefühl.
Um Jasper herum tobt eine Handvoll zwölf- und 13-jähriger Jungen durch den Garten der Döhrener St. Petri-Gemeinde und jagt einem Fußball hinterher. Es ist Freitag und Tag des Gruppentreffens. Jasper und seine gleichaltrige Kollegin Marlene Schrader betreuen dann die jüngeren Mitglieder der Pfadfindergemeinschaft. Wenn die Teenager nicht mit dem Ball spielen, lassen Jasper und Marlene die Jungpfadfinder basteln - oder sogar etwas lernen. "Das ist dann fast wie Schule", sagt der 13-jährige Ruben, und vergisst nicht hinzuzufügen: "Nur, dass es mehr Spaß macht."
Kerngeschäft der "Pfadis" sind jedoch nach wie vor die klassischen Zeltlager. "Die sind das Beste", sagt der 13-jährige Arne. Im Lager macht ihm sogar Wandern Spaß - "weil meine Freunde dabei sind". Wie bei den wöchentlichen Treffen herrscht hier eine gelöste Atmosphäre ohne Hahnenkämpfe und Hierarchien. Daher fühle er sich in der Gemeinschaft der Pfadfinder "einfach gut aufgehoben", meint Gruppenführer Jasper. In Sportvereinen beispielsweise werde nur auf die Leistung geschaut. "Die Leute sind da sozial anders drauf."
Pluspunkte sammelten die Scouts bei den Nichtpfadfindern jüngst während des Kirchentages in Hannover. Klaglos hatten sich insgesamt rund 2700 von ihnen als Ordner, Gepäckaufbewahrer und Müllarbeiter einsetzen lassen - und dadurch einen enormen Imagegewinn verbucht. "Wir zählen seither täglich drei bis fünf Anrufe von Eltern, die sich für unsere Arbeit interessieren", sagt Wilfried Duckstein, Geschäftsführer des VCP im Bezirk Hannover. Auch Andreas Kolmer, Referent für Öffentlichkeitsarbeit bei der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD), hat festgestellt, dass der Zugriff auf die Internetseite des Verbandes um mehr als 30 Prozent zugenommen hat. Der VCP hatte im Mai rund 1000, der CPD etwa 700 seiner Pfadfinder zum Helfen nach Hannover geschickt.
Den meisten von Jaspers Schulkameraden allerdings ist das Hobby mit dem Halstuch eher suspekt. In der Schule habe er kaum Freunde, sagt der 16-Jährige. "Meine Freunde sind fast alle selbst Pfadfinder." Marlene muss sich von ihren Mitschülerinnen sogar dumme Witze über die Pfadfinderei anhören: "Die denken, wir spielen den ganzen Tag im Matsch", sagt sie. Oder sie verbänden mit dem Pfadfinderwesen "etwas Altertümliches", meint Ruben. Er seinerseits vermutet hinter dem Spott aber eher stille Anerkennung der Mitschüler: "Vielleicht sind sie neidisch, weil Pfadfinder Sachen können, die andere nicht können" - wie zum Beispiel ausdauernd wandern. "An der Playstation lernt man das nicht", grinst Ruben.
Auch wenn der Kirchentag eine leichte Trendwende gebracht hat - für VCP-Chef Duckstein hat selbst die gute Resonanz auf den Einsatz der "Pfadis" nicht nur Positives. "Leider bezogen sich fast alle Anrufe auf unsere Helferdienste, nicht auf unsere eigenen Aktionen", sagt er - Aktionen wie die "alternative Stadtrundfahrt" durch Hannover, bei der die Pfadfinder die nationalsozialistische Vergangenheit der Landeshauptstadt beleuchtet hatten. Dabei hatte der VCP gerade damit zeigen wollen, dass er sich mittlerweise durchaus als politische Organisation begreife, sagt Duckstein: "Wir flüchten uns nicht mehr nur in die Natur, sondern stellen uns auch der Welt und ihren Problemen."
Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, müssen die Verbände sich jedoch mächtig ins Zeug legen. Schließlich geht genau die Altersgruppe der über 14-Jährigen, die sich für politische Inhalte interessieren könnte, den Verbänden zunehmend von der Fahne. Zwar genießen die Kindergruppen aller Verbände, die so genannten Wölflinge, großen Zulauf, doch "der erste Reiz der Pfadfinderei endet erfahrungsgemäß mit 13 oder 14 Jahren", sagt Duckstein. Damit entwischen den Scouts auch ihre potenziellen Gruppenleiter, denn erst ab 16 Jahren können Pfadfinder in diese Rolle schlüpfen. Bei der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) muss der größte katholische Verband Deutschlands daher sogar viele Kinder auf Wartelisten setzen, wie DPSG-Sprecher Michael Scholl berichtet.
Ob die hohe Zahl der Neuanmeldungen in den jungen Jahrgängen ein Indiz für einen christlichen Zeitgeist ist, vermögen die Pfadfinderfunktionäre nicht zu sagen. Immerhin schreiben die selbst gesetzten Regeln beispielsweise vor, "allen Menschen mit Respekt" zu begegnen und "einfach und umweltbewusst" zu leben. Als Pfadfinder lebe man die Regeln durchaus, sagen Jasper und Marlene. Allerdings müsse man kein Pfadfinder sein, um diese Regeln zu beherzigen, wie Marlene bemerkt: "Ich habe das schon zu Hause gelernt."


NACHGEFRAGT...
...bei Wolfgang Gaiser, Jugendsoziologe am Deutschen Jugendinstitut in München


"Die Zahlen sind stabil"

Wie steht es um den Nachwuchs bei den Pfadfinderverbänden?
Ganz allgemein kann man feststellen, dass die Mitgliederzahlen der kirchlichen Jugendorganisationen in den vergangenen zehn Jahren stabil geblieben sind. Es gab zwar einen leichten Rückgang in den neunziger Jahren, aber der ist inzwischen ausgeglichen. Mit abnehmender Bevölkerungszahl werden die absoluten Zahlen natürlich geringer, doch nach wie vor sind etwa zehn Prozent der jungen Leute zwischen 16 und 29 Jahren in kirchlichen Verbänden organisiert, und bei den Zwölf- bis 15-Jährigen ist der Anteil noch höher. Insgesamt ist jeder zweite junge Mensch zwischen 16 und 29 in einem Verein irgendeiner Art integriert. Nicht erreicht werden leider meist diejenigen, die ohnehin eher schwache soziale Netze haben.

Welche Rolle spielen Großveranstaltungen wie Kirchentage für die Verbände?
Die Mobilisierbarkeit ist bei solchen Veranstaltungen groß. Jugendliche sind für Veranstaltungen dieser Art zu begeistern, und die Eltern lassen ihre Kinder auch eher im Rahmen christlicher Vereine an solchen Events teilnehmen, als sie auf eigene Faust irgendwo hinfahren zu lassen. Auf die Mitgliederzahlen hat so etwas allerdings kaum konkreten Einfluss.

Wer wird eigentlich Pfadfinder?
Nach wie vor kommen die Jugendlichen meist aus der Mittelschicht, außerdem findet man bei Pfadfindern und anderen kirchlichen Organisationen hauptsächlich Gymnasiasten, kaum Hauptschüler. Mühe haben Organisationen wie die Pfadfinder, ihre jungen Mitglieder bis ins Erwachsenenalter bei der Stange zu halten.

Wie behaupten sich Pfadfinder gegenüber anderen Freizeitangeboten?
Das ist zwischen städtischen und ländlichen Gebieten sehr unterschiedlich. In der Stadt konkurrieren die Verbände mit vielfältigen anderen Freizeitangeboten, die unverbindlicher und ohne Mitgliedschaft genutzt werden können. Auf dem Land spielen Pfadfinder, wie Vereine und Verbände jeder Art, nach wie vor eine größere Rolle.